Willkommen auf der Autorenseite von Gerd Schmidinger

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Leseprobe aus meinem Roman Horizont der Götter (BoD 2024, 312 Seiten):

 

Mári


 

An den Tag, an dem Mári zum Liebling der Götter wurde, konnte sie sich als erwachsene Frau nur mehr wie durch einen Schleier erinnern. Doch irgendwo, in den düstersten Winkeln dessen, was sie später ihr Leben nannte, war da der Schrei ihrer Mutter, verschwommen und unklar, aber von einer Eindringlichkeit, die mit den Jahren nicht nachließ. Auf gewisse Weise, so dachte sie, hatte dieser Schrei ihr ganzes Leben begleitet.

Dabei hatte sie ihn damals, als neunjähriges Mädchen, kaum wahrgenommen. Sie waren zum Opfer gegangen, wie jeden Sonntag. Ihr Vater, dessen langes blondes Haar im Wind wehte, in dem wollenen Mantel, den er im Winter trug, ihre Mutter in ihrem groben Kleid aus Leinen und den kleinen Jo auf dem Arm, und sie selbst hüpfend und singend in ihrem braunen Gewand aus Hirschleder, das sie im Winter besser wärmte als ihr dünnes Leinenkleid. Ihre Kleidung roch intensiv nach Rauch, wie häufig im Winter. Mári mochte das. Sie mochte auch, dass der ganze Ort zusammenkam, um das Opfer gemeinsam zu feiern. Kurz bevor sie den Opferplatz erreichten, trat Liv, die Bäckerin, eine stämmige Frau mit roten Backen, die immer ein freundliches Wort für sie übrig hatte, auf die enge, mit unregelmäßig großen Kalksteinen gepflasterte Straße. Kris, ihr ebenso kräftiger Mann, begleitete sie. Er war etwas wortkarg, aber Mári mochte ihn auch. Sara und Micha, zwei Kinder in ihrem Alter, mit denen sie häufig spielte, winkten ihr zu, als sie auf den Platz traten. Besonders mit Sara verstand sie sich oft ohne Worte, und ihre Gegenwart rief ein warmes Gefühl in ihr wach. Mári winkte zurück. Die Erwachsenen unterhielten sich leise untereinander, bis der Priester kam. Mári ging ein paar Schritte zur Seite und ließ ihren Blick schweifen. Graue Wolken verdeckten die hohen Berge, doch das Tiefland, das sich gen Norden hin erstreckte, flankiert von niedrigerer werdenden Bergrücken, wirkte merkwürdig klar und zum Greifen nahe. Fast schien es ihr, als könne sie die einzelnen sonnenverbrannten Büsche wahrnehmen, die die Ebene bedeckten. Mári liebte den Blick ins Tal. Sie wusste, und auf dieses Wissen war sie mächtig stolz, dass er deswegen so gut war, weil Elpele selbst auf einem Berg erbaut worden war. Und je höher man selbst stand, umso weiter konnte man ins Tal blicken. Ja, heute konnte sie sogar den großen See erahnen, der die Ebene im Norden begrenzte. Dort musste Pregatz liegen, die große Stadt, in der die Hohepriester lebten. So jedenfalls hatte es ihr ihre Patin Landa erklärt. In Gedanken bei ihrem neu erworbenen Wissen, hatte Mári gar nicht gemerkt, dass die Zeremonie schon begonnen hatte. Auf den großen Opferaltar im Zentrum von Elpele legten die Bewohner des Ortes ihre Gaben: eine Hand voll Weizen, ein paar Orangen, Eier oder was man sonst entbehren konnte. Aber da jeder Einzelne etwas opfern sollte, kam doch einiges zusammen. Schließlich sprach der Priester, der eine schwarze Robe mit dem Zeichen der Götter trug, weihevoll klingende Worte, von denen Mári nur die Hälfte verstand, während die Bauern Feuerholz um die Gaben herum aufschichteten. Der Priester, ein kräftiger dunkelhaariger Mann mit dichtem gepflegtem Bart, kantigem Kinn und dunkler Haut, setzte schließlich den unter dem Holz liegenden Zunder mit Hilfe einer Fackel in Brand, ein besonders feierlicher Moment, wie Mári wusste. Den durfte man keinesfalls verpassen, genau so wenig wie man vergessen durfte, sein Opfer auf den Stein zu legen. Mári hatte ein paar Früchte des Erdbeerbaumes in ihrer Hand, und die betrachtete sie gedankenverloren, während sie etwas abseits stand. Es waren runde, rot-orangene Früchte mit Noppen dran, etwas mehlig zwar aber nicht schlecht, und die Büsche wuchsen überall, deshalb genehmigte sie sich fast täglich ein paar davon. Máris Blick folgte einem kleinen Vogel mit roter Brust und schnellen Flügelschlägen. Sie sog tief die milde Winterluft ein. Rauch wehte vom qualmenden Opfertisch her. Rauch? Irgendetwas stimmte hier nicht. Wieso hatte sie immer noch die roten Früchte in der Hand? Wieso hatte sie sie nicht auf den Opfertisch gelegt? Wieso hatte sie niemand daran erinnert, ihr Opfer darzubringen? Das konnte nicht sein, das durfte nicht passieren. Hilfesuchend blickte sie um sich und fand das helle, von aschblonden Locken umspielte Gesicht ihrer Mutter. Ihre Blicke trafen sich. Der ihrer Mutter wanderte zu den Früchten in Máris Hand, und plötzlich loderte Angst in diesen Augen, abgrundtiefe Angst in diesen Augen, die doch beruhigen sollten. Und der offene zuckende Mund, wie eine endlos tiefe Höhle. Erst später musste Mári den Schrei wahrgenommen haben, der aus ihm drang.

Mári blickte an sich, an diesem kleinen neunjährigen Körper hinab. Etwa zehn Schritte gepflasterten Steins lagen zwischen ihr und den anderen Dorfbewohnern, die um den brennenden Gabenstoß herum standen, zehn Schritte, die plötzlich wirkten wie eine unüberwindliche Schlucht. Konnte das sein? Sollte so alles enden? Der Priester hatte die Zeremonie unterbrochen, doch das Feuer brannte weiter, und das Knistern klang entsetzlich laut. Und alle Augen auf sie gerichtet, still und ausdruckslos, als warteten sie auf etwas. Mama! Mári spürte, wie die roten Früchte durch ihre geöffneten Finger glitten. Dann fühlte sie nichts mehr.

Ich lebe! Das war der erste verwirrte Gedanke, als Mári auf dem kalten Steinboden liegend zu sich kam. Der zweite galt ihrer Mutter, denn diese rannte wie eine Verrückte vor und zurück, umarmte sie kurz, netzte sie dabei mit ihren Tränen, ließ sie wieder los, um den notwendigen Abstand wieder herzustellen, kam wieder her, umarmte sie abermals und schniefte dabei nass in ihre Halsbeuge. Als sie bemerkte, dass ihre Tochter sich rührte, brach sie in ein Schluchzen aus, in dem sich Schmerz und Erleichterung zu einer endlos wirkenden Kaskade vermengten. Mein Kind, mein Kind! Sie überschüttete das Mädchen mit tränenreichen Küssen. Mári stieß sie von sich fort. Wie konnte sich ihre Mutter nur so gehen lassen und sie beide derart gefährden! Beschämt blieb diese einige Schritte entfernt stehen und schluchzte: “Es tut mir leid, es tut mir so leid!" Mári zwang sich zu einem beruhigenden Lächeln. Es war ja nichts passiert. Die Götter hatten offenbar verstanden, dass es ihre Mutter nur aus Erleichterung so übertrieben hatte mit der Umarmung. Und ihre Erleichterung war verständlich. Nach allem, was sie wusste, hätte Mári tot sein müssen - aber die Götter hatten sie verschont! Sie konnte sich nicht erinnern, dass das schon einmal passiert war. Schließlich lernte man, sobald man sprechen konnte, dass die Strafe auf den Fuß folgte, wenn man die Gesetze der Götter missachtete. Und das erste Gesetz hieß nun mal: Du sollst den Tag der Götter heiligen.

Auch wenn das etwas schwammig formuliert war, jeder wusste genau, was das hieß: sobald ein Kind laufen konnte, musste es an jedem Sonntag sein Opfer darbringen, und zwar bevor der Priester den Opferstoß in Flammen setzte. Tat man das nicht, wurde man bestraft, so wie man bestraft wurde, wenn man eines der anderen göttlichen Gesetze missachtete. Denn die Götter sahen alles. Und sie kannten nur eine Strafe: den Tod.

Außer bei Mári. Da kam keine Strafe, gar keine. Die Götter ließen sie laufen. Mári konnte immer noch kaum glauben, dass sie davon gekommen war. Doch wie zuvor war es irgendwie auch nicht mehr. Der Abend mit ihren Eltern war sehr schön gewesen, ihre Mutter hatte sich wieder beruhigt, ihr aber die besten Stücke Hammelfleisch gegeben. Sogar vom Wein ihres Vaters durfte sie nippen, und das durfte sie sonst nie. Aber Antworten hatten ihre Eltern keine gewusst. Mári war noch lange wach gelegen in ihrer kleinen Schlafkammer im Obergeschoss des Hauses und hatte versucht, eine Erklärung zu finden. Wieso hatten die Götter sie verschont? War an ihr etwas Besonderes? Oder hatte sie einfach Glück gehabt? Vielleicht waren die Götter ja abgelenkt gewesen von irgend jemand anderem, der ihre Gesetze übertrat, vielleicht in Pregatz oder in Bazora, dem Nachbardorf jenseits des Mühlbaches. Hatte derjenige mit dem Leben bezahlt? War jemand anders für sie gestorben? Entsetzen kroch in Mári hoch, lange lag sie noch wach und wusste nicht, ob sie sich freuen oder ob sie erschaudern sollte angesichts der Ereignisse.

Am nächsten Morgen wurde es nicht besser. Als Mári zu Kris und Liv ins Backhaus ging, um ein neues Brot zu holen, wirkte Liv, die heute einen besonders bunten Rock trug, irgendwie ganz aufgeregt, nicht so gemütlich und beruhigend wie sonst. "Na, wer kommt denn da?" japste sie. "Der Liebling der Götter!" Es sollte wohl freundlich klingen, was Liv, diese dicke gut duftende Frau, die ihr immer wieder mal ein Stück Süßbrot zusteckte, da sagte. Aber irgendwie glaubte sie ihr ihre Freundlichkeit heute nicht, da schwang noch etwas anderes mit, etwas, das Mári nicht verstand. Verlegen gab sie ihr die sechs Eier, die Liv für das Brot nahm. Diesmal kniff sie Liv nicht in die Backe, sondern schaute ihr tief in die Augen: "Du musst etwas ganz Besonderes sein, Mári" sagte sie mit feierlicher Stimme. Und wieder dieses komische Gefühl, dass es Liv nicht ernst meinte, oder doch ernst aber dass sie ihr etwas verschwieg, eine Gefühlsregung, für die sie sich selbst schämte. Als sie unter dem niedrigen Türstock wieder hinaus auf den Opferplatz trat, atmete Mári auf. Sie würde nicht den schnellsten Weg zurück nehmen. Sie überquerte den Opferplatz und stand schließlich vor dem Haus des Priesters. Sába wohnte im größten Haus des Dorfes. Es sah nicht wirklich anders aus als die Häuser der Bauern, schließlich waren alle Häuser Elpeles in mühsamer Arbeit aus den Steinen des dorfeigenen Steinbruchs unten am Mühlbach errichtet worden. Ein Stock zur ebenen Erde, in dem man wohnte und arbeitete, und einer darüber, in dem man schlief, das war die Regel. Doch das Haus des Priesters überragte die Nachbarhäuser, das des Töpfers und jenes ihrer Patin Landa, der Schneiderin, um mindestens drei Schritte. Woran das wohl lag? Mári war das noch nie so aufgefallen. Hatte das Haus ein weiteres Stockwerk? Mári schaute auf die Reihen der kleinen Fenster, welche die aus Kalksteinen zusammengesetzte Fassade unterbrachen. Nein, kein weiteres Stockwerk. Ein Licht ging ihr auf. Ja, das musste es sein! Die Zimmer waren höher als die der anderen Häuser. Sonderbar. Sába war auch nicht größer als andere Männer. Und Gerald, der Müller, der größte Mann, den sie kannte, wohnte auch in einem ganz normalen Haus. Wozu brauchte der Priester so hohe Räume? Mári zögerte. Niemand war auf dem Opferplatz zu sehen. Sie mochte Sába nicht besonders. Irgendwie war ihr immer vorgekommen, als fühle er sich in ihrer Gegenwart nicht wohl. Und das war nichts, was sie besonders angenehm fand. Doch sie hatte das Gefühl, dass er ihr vielleicht weiterhelfen konnte. Mári betrachtete das Symbol der Götter, das auf dem Türstock eingraviert war. Ein Kreis und eine Reihe von Punkten, die den Kreis umschwirrten wie Vögel einen Baum. Mári wusste, dass der Kreis in Wirklichkeit eine Kugel darstellte, die Kugel, auf der sie lebte und die sie Erde nannte. Und die Punkte standen für die Götter, die um die Erde herumflogen und sie beschützten. Vorausgesetzt, man tat alles so, wie die Götter das vorgesehen hatten. Vorausgesetzt, man opferte ihnen jeden Sonntag. Und hatte jenen ausgedehnten wonnevollen Körperkontakt nur mit seinem Ehemann oder seiner Ehefrau. Und man log nicht und stahl nicht und tötete niemanden. Mári nahm sich ein Herz. Wenn jemand eine Antwort auf ihre Fragen haben würde, dann doch der Priester. Er musste wissen, wieso die Götter keine Blitze auf sie geschleudert hatten. Er musste wissen, wieso Liv sie den Liebling der Götter genannt hatte. Irgendwie klang es ja auch ganz gut, dachte sie, und sprach es aus, murmelte es halblaut vor sich hin: Liebling der Götter, Liebling der Götter. Bevor sie anklopfte, blickte sie nach oben. Dort mussten die Götter sein, diese sonderbaren strafenden Götter, deren Liebling sie nun anscheinend war. Warum nur? Doch alles, was sie sah, war ein Adler, der weit oben seine Kreise zog. Und die Wintersonne, die gerade ein paar Hand breit über den hohen Bergen im Osten stand. Die höchsten von ihnen glänzten weiß vom Schnee.

Máris Klopfen hallte über den ganzen Platz. Ein Rumpeln ertönte aus dem Inneren des Priesterhauses. Die Tür flog auf und das rote Gesicht des Priesters erschien. „Mári!" entfuhr es ihm erstaunt. „Was gibt es?"

Mári nahm all ihren Mut zusammen. „Ich hab' ein paar Fragen an dich."

„Ach, wirklich?" Der Priester machte ein ziemlich dummes Gesicht, wie Mári fand, und er kratzte sich am bärtigen Kinn. „Also gut," sagte er schließlich, aber er machte keine Anstalten, sie ins Haus zu bitten. „Was willst du wissen?"

Mári kam sich etwas blöd vor, wie sie da mit ihrem Brot vor dem dunkel behaarten Mann stand, aber sie holte tief Luft und fragte: „Bin ich wirklich der Liebling der Götter?"

Ein nervöses Lachen. „Der Liebling der Götter? Wie kommst du denn darauf?" Mári erzählte ihm, was Liv zu ihr gesagt hatte. Sába blickte gehetzt um sich. „Mári," sagte er schließlich und blickte ihr eindringlich in die Augen, „glaub ja nicht, dass du etwas Besonderes bist. Ja, vielleicht mögen dich die Götter, vielleicht bist du zu etwas Großem ausersehen, wer weiß. Aber mach das nicht nochmal. Glaub mir, ein weiteres Mal werden dich die Götter nicht verschonen. Gehorche den Gesetzen, das ist alles, was ich dir sagen kann." Und schon war der Moment vorbei, in dem Mári echte Anteilnahme in seinem Gesicht lesen konnte. „So, und jetzt geh nach Hause und mach dir keine Sorgen."

Mári ging nach Hause, aber Sorgen machte sie sich trotzdem. Irgendwie war es traurig, vor den Göttern Angst haben zu müssen. War das wirklich notwendig? Sie beschloss, ihre Patin Landa danach zu fragen.

Diesmal nahm Mári den Weg zwischen dem Haus der Heilerin Magda und dem Werkzeugmacher Jon. Hinter Jons Tür hörte sie leises Hämmern. Einem Instinkt folgend, drehte sie sich nochmals um und blickte zum Opferplatz zurück. Sie sah gerade noch, wie Livs bunter Rock im Haus des Priesters verschwand.

Hinter Magdas Haus bog Mári rechts ab. Nun, da der Opferplatz hinter ihr lag, öffnete sich das Dorf und die gedrungenen Steinhäuser standen in großem Abstand zueinander. Kein Wunder, schließlich hatte jede Familie ihren Garten, der sie ganzjährig mit Feldfrüchten versorgte. Fast alle hatten auch noch ein paar Schafe zwischen ihren Obst- und Olivenbäumen stehen. Damit diese vor den Wölfen geschützt waren, umgaben sich die verschiedenen Weidegärten mit Mauern aus Stein, was dazu führte, dass auch die Wege des Dorfes von Steinmauern begrenzt wurden. Mári mochte diese Mäuerchen. In ihren Ritzen ließ sich jedes Mal etwas Neues entdecken: Farne, die sich die winzigen Erdklümpchen zwischen den Steinen zu Nutze machten, Moos, allerlei Insekten und Spinnen - und überall die schönsten unterschiedlich gefärbten Eidechsen. Bis vor kurzem waren Mári die Mäuerchen noch unglaublich hoch vorgekommen. Doch seit einigen Monaten konnte sie über sie hinweg blicken, und das Dorf hatte dadurch an Übersichtlichkeit gewonnen. Ja, ihr kam vor, als hätte sie jetzt erst richtig verstanden, wie Elpele aufgebaut war. Und das erfüllte sie mit einem neuen Selbstbewusstsein. So grüßte sie denn auch ohne Zögern den alten weißbärtigen Johann, der auf dem Bänkchen vor seinem Haus saß und hinaus in seinen Garten blickte. Seine Orangenbäume trugen besonders schöne Früchte. Johann kniff die Augen zusammen. Als er Mári schließlich erkannte, huschte ein Lächeln übers Gesicht. „Na, wenn das nicht der neue Liebling der Götter ist!" Mári lächelte zurück. Johann meinte es auf jeden Fall nett. Und vielleicht war ja auch wirklich nichts dabei, so genannt zu werden. Leo, der sich bei allem unglaublich ungeschickt anstellte, nannten alle nur "den Tölpel", und der beschwerte sich auch nicht. "Liebling der Götter" war sicher der bessere Spitzname. Von Johanns freundlicher Art getragen, hüpfte Mári die letzten Schritte zu ihrem Elternhaus.

„Na, endlich bist du da!" tadelte ihre Mutter, die gerade einen Salatkopf im Garten vor dem Haus erntete. Doch es umspielte ein Lächeln ihr weiches Gesicht.

„Ich musste noch mit dem Priester reden," erwiderte Mári und drückte ihr den dicken Laib Brot in die noch freie Hand.

„Ach so!" Gespielte Ehrfurcht in der Stimme ihrer Mutter. „Der Liebling der Götter musste mit dem Priester reden! Und was hat Sába gesagt?"

„Nicht viel Nützliches," erwiderte Mári. „Aber er hatte sowieso nicht viel Zeit, er war dann noch mit Liv verabredet."

Ihre Mutter zog eine Augenbraue hoch. „Mit Liv? Bist du da sicher?" Mári nickte. Irgendwie schien die Nachricht ihre Mutter zu beunruhigen. Wieso nur? Der Priester war doch für alle da. Weshalb sollte er sich nicht mit Liv verabreden?

„Wo waren sie denn verabredet?" fragte ihre Mutter, und der Salatkopf und das Brot zitterten ein wenig.

„Liv ging in sein Haus, gerade als ich gegangen war. Ich hab nur ihren bunten Rock gesehen," gab Mári Auskunft. Ein Brummen war die Antwort. Es kam Mári nicht sehr zufrieden vor. Was hatte Mutter nur?

„Nun geh schon rein," sagte sie schließlich. „Deine Patin ist schon da. Sie will mit dir sprechen."

Das konnte ja heiter werden. Mári mochte Landa, sie wusste viel und hatte ihr, so wie es ihre Aufgabe war, schon ganz viele spannende Dinge über Elpele, die Natur und die Welt beigebracht. Und eigentlich wollte sie sie ja auch noch einiges zu den Göttern fragen. Aber wenn Landa ankündigte, mit ihr reden zu wollen, gab es meistens eine strenge Moralpredigt.

Doch als Mári über die Schwelle trat und in die Stube blickte, erlebte sie eine Überraschung. Landa, die am großen Eichentisch saß und sich angeregt mit ihrem Vater zu unterhalten schien, der ein lecker duftendes Gericht an der Feuerstelle zubereitete, erhob sich, als sie sie sah, stürzte auf sie zu und drückte sie fest. Wenn auch nur ganz kurz, damit sie die Götter nicht missverstanden. Aber es hatte gereicht, um Mári einen wohligen Schauer über den Körper zu jagen. Landa hatte sie noch nie umarmt.

„Schön, dass es dir gut geht," strahlte ihre Patin sie schließlich an, verlegen ihr Leinenhemd zurecht streifend. Einladend deutete sie zum Tisch. „Komm, setz dich zu mir." Mári setzte sich zu ihr, den notwendigen Abstand von etwa einer Armlänge wahrend.

Das blonde Haar, das Máris Vater heute zu einem Zopf zusammengebunden hatte, baumelte ein wenig hin und her, als sich der kräftige Mann mit den weichen Gesichtszügen zu Mári umdrehte und ihr freudig zulächelte. Dann wandte er sich wieder dem Herd zu. Mári blickte in die Augen ihrer Patin. Dunkel waren sie, ähnlich den ihren, und auch ihr Gesicht hatte viel mit Máris dunklen kantigen Zügen gemein.

„Nun erzähl mal in Ruhe, Mári," fing ihre Patin an, „wie konnte das denn gestern passieren, dass du dein Opfer vergessen hast?"

Mári berichtete, wie sie in Gedanken die Berge und die Ebene betrachtet hatte, wie sie abseits gestanden hatte und einfach nicht gemerkt hatte, dass alle schon ihre Opfergaben auf dem Tisch dargebracht hatten.

„Und ansonsten war nichts ungewöhnlich?" hakte Landa nach. Mári überlegte.

„Nein," sagte sie schließlich, „nicht dass ich wüsste."

„Vielleicht hast du einfach Glück gehabt," sagte Landa schließlich.

„Glück? Wieso Glück? Wie kann ich Glück gehabt haben? Die Götter sehen doch alles! Das hast du mir selbst beigebracht!"

Mári merkte, wie Landa einen kurzen fragenden Blick in Richtung ihres Vaters schickte. Ja natürlich, er hörte alles mit. Doch das war in Ordnung, Mári hatte volles Vertrauen zu dem Mann, der in seiner ruhigen Art immer das Beste für alle zu wollen schien. Fast unmerklich nickte er.

Landa seufzte. „Hör zu," sagte sie schließlich, nahm unsicher Máris Hand und ließ sie gleich darauf wieder los. „Es ist doch so: die Gesetze der Götter sind ja nicht nur dazu da, damit wir sie befolgen wie kleine Kinder. Nein, sie haben einen Sinn. Sie machen uns besser, und wenn wir sie befolgen, funktioniert unsere Gemeinschaft besser. Nimm das Gebot: 'Du sollst nicht stehlen.' Das ist ein gutes Gebot. Es führt zu Frieden im Dorf. Oder das Gebot: 'Du sollst nicht töten.' Stell dir mal vor, dieses Gebot gäbe es nicht. Es wäre furchtbar, wenn wir ohne zu zögern jeden umbringen würden, der uns ärgert, denn dann gäbe es irgendwann keine Menschen mehr."

Landa machte eine Pause. Mári wartete. Soweit wusste sie das schon, das hatte ihr Landa schon vor Jahren erklärt. Ihr war es immer wichtig gewesen, dass Mári einsah, warum sie die Gesetze der Götter befolgen sollte. Damit sie am Leben blieb, klar, aber eben nicht nur deshalb. Die Pause wurde immer länger. „Aber wieso sprichst du von Glück?" fragte sie schließlich. „Die Götter wissen doch alles, deshalb sind sie die Götter. Da kann doch Glück keine Rolle spielen!"

Landa seufzte nochmal. „Die Götter sind unerbittlich. Meistens. Und wir wollen unsere Kinder schützen, Kinder wie dich, Mári. Deshalb lehren wir alle Kinder, die Gesetze der Götter zu achten. Ohne Ausnahme. Weil die Götter allwissend sind." Wieder eine schmerzhaft lange Pause. Diesmal wartete Mári darauf, dass Landa weitersprach.

„Aber um die Wahrheit zu sagen: wir wissen nicht, was die Götter wissen. Wir wissen, dass sie gute Gesetze erlassen haben und dass sie sie bei Todesstrafe durchsetzen, aber sie tun es nicht immer."

„Was?" Mári fuhr von ihrem Stuhl hoch und Landa fort: „Du kennst doch die fünf göttlichen Gesetze: Das erste Gesetz: Du sollst den Tag der Götter ehren. Das zweite Gesetz: Du sollst nicht töten. Das dritte Gesetz: Du sollst keine Unzucht treiben. Das vierte Gesetz: Du sollst nicht stehlen. Das fünfte Gesetz: Du sollst nicht lügen."

Mári kannte die Gesetze. Sie blickte in Landas fragendes Gesicht. Was wollte sie von ihr? Plötzlich schien ihr, als wankte der Boden unter ihr. Erinnerungen an kleine Notlügen, an aus fremden Gärten gemopste Mandarinen. Wie konnte es sein, dass ihr das nie aufgefallen war?

„Wie kann das sein?" flüsterte sie schließlich. „Wieso habe ich das nie bemerkt?" Landa lächelte, Mári vermeinte etwas wie Stolz in ihrem Blick wahrzunehmen. „Was hast du nicht bemerkt?" fragte ihre Patin.

„Die Götter bestrafen nur diejenigen, die die ersten drei Gesetze missachten! Die andern beiden sind ihnen egal!"

Landa grinste. „Nun, ob sie ihnen egal sind, wissen wir nicht. Aber du hast völlig recht: man kann gegen sie verstoßen, und es passiert - nichts, rein gar nichts. Nur du, du bist die eine große Ausnahme. Du hast gegen das erste Gesetz verstoßen, und zwar ganz und gar eindeutig, und die Götter haben dich verschont. Ich freue mich darüber, mehr als du dir vorstellen kannst, aber ich würde auch zu gerne wissen, warum." Mári hätte das auch gerne gewusst. Und noch etwas wollte sie wissen: „Landa, wieso bestrafen uns die Götter so grausam - mit dem Tod?" Mári flüsterte ihre Frage, gegen Schluss immer leiser werdend. Sie hatte fast das Gefühl, über die Götter zu lästern. Erstaunt und traurig zugleich blickte sie Landa an. „Auch das weiß leider niemand, wirklich niemand. Aber auch ich habe mich das schon oft gefragt.“

Mári behielt ihren Spitznamen, den manche mit Ehrfurcht und andere mit kaum verhohlenem Neid aussprachen. Mári gewöhnte sich daran, und nach und nach verlor auch der besondere Tag, der ihn ihr gebracht hatte, an Bedeutung. Doch irgendwie war etwas in ihr gekeimt, das ihr keine Ruhe ließ: sie wollte wissen, weshalb die Götter handelten, wie sie handelten, und sie wollte wissen, warum alles so war, wie es war.


 

*

Ende der Leseprobe

 Horizont der Götter ist im gesamten deutschsprachigen Buchhandel erhältlich sowie online über alle bekannten Plattformen.

 

 

   

Tu felix Austria

 

deine Felsen von gleißender Schwere

deine Wälder – duftend und drohend

deine Hochebenen und Täler

gequetscht vom ewigen Eis

und dann wieder frei und blühend

 

Heimat von Edelweiß und Enzian

lange vor Menschen und Unmenschen

lange, unendlich lange

frei und grenzenlos

grenzenlos und frei

 

durchstreift von genügsamen Menschen

voller Bilder und Tiere und Geschichten

grenzenlos und frei

andere mögen Kriege führen

Du nicht, grenzenlos und frei

 

viele Menschen kamen

viele Menschen gingen

viele Menschen liebten einander

auf Fels und Eis

zwischen Latschenkiefern und Enzian

 

einige blieben, von weit her kamen sie

aus warmen, südöstlichen Gefilden

sie säten und ernteten

und ihre braune Haut glänzte in der Sonne

und die Felder gediehen prächtig

 

Irgendwann ging es schnell

Dörfer, Städte, Besitz und Gewalt

und die Frauen am Herd

die Männer mit dem Stock in der Hand

Kriege mögen die anderen führen

 

Aber wir führen sie trotzdem

Viele kommen, viele gehen, viele bleiben liegen

dennoch gibt es immer Liebe

und Vermischung und romantische Träume

du, glückliches Österreich, heirate!

 

Du glückliches Österreich, heirate

nicht die erst beste, die, die am meisten mitbringt

in die Ehe, in die territoriale Ehe

zum Ruhm und zur Ehre Habsburgs -

und später der Deutschen

 

Du – modernes Österreich, heirate

nur zwischen deinesgleichen

damit das Blut rein bleibt und deutsch

und die Haut bleich wie eine Krankheit

aus Angst vor dem Fremden

 

Du – Österreich der Grenzen,

der genau abgezählten Quadratmeter,

andere mögen Kriege führen,

Hauptsache, wir verdienen dabei

und keiner kommt auf die Idee, bei uns Zuflucht zu suchen.

 

Denn Österreich ist klein -

winzig geworden und eng

voller Zorn und Gier und Eigennutz

andere mögen Kriege führen

wir schauen auf unser schönes Land

 

Voller Glück und voller Angst

oh du glückliches Österreich

Insel der Seligen

alles würden wir tun, um dich

in unseren absterbenden Händen zu zerquetschen

 

wir führen nur Kriege gegen die Menschlichkeit

und gegen die Liebe

wir sind die Grenzbewacher, die Landraffer,

wir laufen in die Berge davon,

weil wir uns selbst nicht aushalten

 

und kommen zurück

mit einem Lächeln auf dem Gesicht

denn die Berge sind schön

sie warten nur -

auf einen Menschen

 

 

 

 

Gerd Schmidinger, Januar 2025

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier finden Sie eine Mikrolesung (ca. 1 min.) meiner Kürzestgeschichte "Erfolg" sowie meine Kurzlesung "Ein Olivenbaum" (ca. 5 min.)